Die Reise durch die Spielebox
An einem gewöhnlichen Schultag eines 13-jährigen Jungen namens Felix, saß er wie gewohnt, gelangweilt in der Klasse. Da öffnete plötzlich ein Lehrer die Klassentür und sagte: „Felix, bitte begib dich sofort zum Direktor.” Der Schüler stand, genervt, von seinem Sitzplatz auf und trottete zum Direktorat.
Sobald der Direktor ihn sah, sagte er : „Ah, Grüß Gott, Felix, bitte nimm Platz.”
Felix ließ sich widerwillig auf den Stuhl nieder und verschränkte seine Arme.
Der Direktor befragte ihn mit einem erzwungenen Lächeln: „Weißt du vielleicht, warum du hier bist?” Felix antwortete gereizt: „Lass mich nicht raten, komm einfach zum Punkt.”
Das Gesicht des Direktors wurde ernst und er fuhr die Diskussion mit einer angespannten Stimme fort: „Felix, ich hoffe, dir ist bewusst, dass du einen Feuerstein aus dem Chemieraum gestohlen hast und ihn in den Mülleimer hinter der Schule voller Vapes geworfen hast. Wo dann ein Funke vom Feuerstein zuerst das Papier darin entzündete und die Hitze anschließend die Vapes zusammen mit dem Mülleimer explodieren ließ!“
Als der Direktor geendet hatte, schwieg Felix. Sein Blick führte vom Gesicht des Direktors weg und blieb an der Kaffeetasse auf dem Tisch hängen, als wäre sie auf einmal unglaublich faszinierend.
Der Direktor erwartete eine Antwort von ihm, doch diese bekam er nicht. Enttäuscht sagte der Direktor: „Dein Aufenthalt an dieser Schule ist für uns momentan nicht mehr tragbar. Du bist grob, denkst nicht an die Folgen deiner Taten und verhältst dich sehr aggressiv gegenüber deinen Klassenkameraden. Mir bleibt leider keine andere Wahl, als dich von dieser Schule zu verweisen”.
Nachdem der Direktor das gesagt hatte, fühlte Felix sich stark unter Druck gesetzt und konnte sich nicht vorstellen, wie seine Mutter darauf reagieren würde. Gleichzeitig war er jedoch ein bisschen erfreut und stolz, dass er mit seiner eigenen Methode früh Schluss hatte.
Als Felix nach Hause kam, wartete seine Mutter bereits auf ihn und sah so aus, als wüsste sie genau, was passiert war. Schweigend zog er seine Schuhe aus und schlenderte zur Küche, doch seine Mutter blockierte ihm den Weg und sagte: „Ich habe heute mit dem Direktor gesprochen, und ich kann nicht glauben, was du getan hast. Du verprügelst andere Mitschüler, hast überall fast nur Fünfer und ich habe den Direktor inzwischen schon als meinen meistgewählten Kontakt. Und jetzt haben wir auch noch wegen dem Vorfall heute Probleme mit der Schule”. Felix sagte nichts, er hatte sich schon an solche Diskussionen gewöhnt. Rücksichtslos drängte der Junge seine Mutter zur Seite und ging weiter in die Küche, als sie ihn plötzlich am Arm packte und ins Zimmer zerrte. Er stolperte ins Zimmer, während seine Mutter mit ihm schimpfte.
Doch auf einmal kam Oma Hilde herein, die besorgt fragte: „Was ist denn hier los?”
Felix und seine Mutter schauten überrascht zu ihr. Denn die beiden waren so in ihren Streit vertieft, dass sie völlig vergessen hatten, dass Oma heute zu Besuch kommen wollte. Felix’s Mutter erklärte: „Hilde, mein Sohn wurde heute von der Schule verwiesen, und ich werde nun ein ernstes Wort mit ihm reden.“
Die Oma riss die Augen auf: „Verwiesen? Ich glaube kein Wort. Mein kleiner Engel würde niemals von der Schule Probleme bekommen.“
Die Mutter des Jungen entgegnete: „Wie bitte? Er wurde verwiesen.“
Oma antwortete: „Ich verstehe das schon richtig, aber das ist nicht möglich. Er ist so brav in der Schule und einfach viel zu nett.“
Felix dachte erleichtert: „Wenigstens ist jemand auf meiner Seite“, und lächelte seiner Mutter provozierend entgegen.
Schließlich sagte Oma Hilde: „Ich bin aber nicht hier, um mich mit euch zu streiten. Heute wollte ich Felix ein Geschenk geben, weil er so ein guter Junge in letzter Zeit war.“
Die Großmutter näherte sich und holte aus ihrer schwarzen Ledertasche eine grüne große Spielebox hervor, auf der in goldenen Buchstaben stand „Die beliebtesten drei Spiele”. Halbherzig bedankte sich Felix, obwohl er sich für Brettspiele nicht interessierte.
Die Mutter von Felix verzog das Gesicht und fauchte genervt: „Ernsthaft, Hilde? Er baut Mist und bekommt auch noch ein Geschenk? Das ist ja wohl das Letzte!“
„Agathe, zwing mich nicht dazu, meine Stimme zu erheben. Jetzt komm mit in die Küche! Ich muss noch etwas mit dir besprechen“, schimpfte Oma Hilde zu Felixs Mutter zurück.
Als die beiden aus dem Zimmer gegangen waren, betrachtete Felix die Spielebox und dachte: „Was soll ich jetzt damit? Ich habe sowieso niemanden, mit dem ich spielen kann… Aber vielleicht kann ich mir wenigstens ansehen, welche Spiele darin sind”. Neugierig öffnete er die Box.
In dem Moment, in dem der Deckel aufklappte, spürte eine starke, fremdartige Anziehungskraft, die ihn in die Spielebox hineinzog, und als Felix hineingezwungen wurde, fühlte er, wie sich ein kalter Stich der Angst in seiner Brust ausbreitete. Zurück blieb nur die geöffnete Spielebox, im Zimmer ohne Felix.
In der Spielebox war für den Jungen zunächst alles unscharf und verschwommen. Als sich sein Blick klärte, erkannte er, dass er auf einem Stuhl saß. Vor ihm stand ein Tisch, auf dem Mikado‑Stäbe lagen. Gegenüber Felix formte sich ein riesiger Spiegel. Um ihn herum gab es weder Wände noch einen sichtbaren Boden und die Atmosphäre war leise und grenzenlos. Doch die Umgebung blieb nicht still, sie pulsierte und vibrierte, und aus dem Nichts schossen Schimmerfunken hervor, die um ihn kreisten, als würden sie seine Anwesenheit prüfen.
Plötzlich ertönte ein lautes: „Hallooooo” vom Spiegel. Der Junge erkannte, dass es sein Spiegelbild war. Doch etwas war sehr anders. Der Spiegel konnte reden. Die Reflektion von Felix setzte fort: „Du wirst dich natürlich fragen, wieso du hier bist.”
Felix fehlten die Worte. Er konnte nicht verstehen, wieso seine Reflektion mit ihm sprach. Als der Spiegel merkte, dass er nicht wusste, was genau passierte, erklärte das Spiegelbild: „Du hast die Spielbox geöffnet und nun musst du drei Spiele gewinnen, um zu entkommen“.
Da richteten sich plötzlich die Mikadostäbe wie von Geisterhand auf und prasselten kurz darauf auf den Tisch zurück. Spottend sagte Felix: „Also bitte… ich soll mit einem Spiegel spiegeln, das verzweifelt versucht, mein schönes Ich nachzuäffen.”
Der Spiegel sagte verärgert: „Lass uns das Spiel beginnen.”
Plötzlich löste der Spiegel das erste Stäbchen vom Haufen, als würde er es allein durch seine Gedanken bewegen. Staunend schaute Felix zu und spielte selbstbewusst seinen Zug aus. Mit seiner groben, unbehutsamen Art versuchte er sein Glück – doch er scheiterte kläglich. Felixs Reflexion lachte hysterisch, während die Mikadostäbe sich vom Spiegel einsammeln ließen und klappernd wieder auf den Tisch zurück fielen.
„Noch eine Runde“ , fragte der Spiegel frech.
Der Junge fühlte sich seltsam unwohl mit seiner Spiegelgestalt. Er verstand nicht, dass sein Spiegelbild sein Verhalten reflektierte. Der Spiegel zeigte ihm nicht eine fremde Persönlichkeit, sondern die Seite, die er nie als seine eigene erkannte.

Der Junge versuchte erneut, mit seiner unbehutsamen Art und wenig Feingefühl ein Stäbchen aus dem Haufen zu lösen, doch scheiterte wieder einmal miserabel.
Nach unzähligen, erfolglosen Versuchen langweilte sich der Spiegel, der schließlich sagte: „Deine grobe Art ist für dieses Spiel nicht geeignet. Ich würde dir vorschlagen, sanfter zu sein.“
Doch Felix hörte nicht zu. Niemals würde er von einem unverschämten Spiegel Rat annehmen.
Mit der Zeit verlor er jedoch die Kraft – und tief in seinem Inneren wusste er, dass seine eigene Reflexion recht hatte. Als eine neue Runde begann, dachte Felix an die Worte des Spiegels und bemühte sich, vorsichtig ein Stäbchen aus dem Durcheinander herauszuheben. Aber dieses Mal ging er sanft und geduldig vor – und tatsächlich gelang es ihm, das Stäbchen erfolgreich aus dem Durcheinander zu nehmen.
Mit einem sarkastischen Grinsen setzte das Spiegelbild seinen Zug und sagte: „Bravo. Ein Stäbchen. Jetzt musst du nur noch den ganzen Rest retten.” Doch Felix ärgerte sich nicht, denn er hatte erkannt, dass er nur rücksichtsvoll sein musste, um zu gewinnen. Felix griff behutsam zum Haufen der Stäbe und zog nacheinander den zweiten, dritten und vierten Stab heraus, bis nur noch der letzte übrig war. Als er auch diesen erhob, sagte das Spiegelbild: „Glückwunsch, du hast gewonnen und gelernt, dass man auch sanft sein kann.” Gleich nachdem die Reflektion das gesagt hat, lösten sich die Mikadostäbe in Luft auf und es erschien ein perfekt aufgebautes Mensch, ärgere dich nicht! Spielbrett auf dem Tisch.
Der Spiegel fragte: „Bereit für ein neues Spiel?”
Felix erkannte, dass er wieder spielen musste und begann zu würfeln. Ein paar Züge später war Felix mit seiner ersten Figur fast im Ziel, doch sein Gegner war dicht hinter ihm her. Als das Spiegelbild an der Reihe war, würfelte es die passende Zahl, um Felixs Figur zurück an den Anfang zu versetzen. Felix war danach so wütend, dass er nur noch daran dachte, die Figuren des Spiegelbilds zu schlagen. Vor lauter Zorn übersah er seine eigenen Figuren völlig und brachte keine einzige ins Ziel.
Während Felix verärgert das Spiel fortsetzte, beobachtete er die Spielweise seines Gegners und merkte, dass er ruhiger war und nicht aufgab. Plötzlich wurde Felix bewusst, dass Ärger ihn nicht weiter brachte. Felix atmete tief ein und probierte nun das Spiel fokussiert und kontrolliert weiter zu spielen, bis er es mit einem spektakulären Ende schließlich gewann.
Mal wieder löste sich das Spielbrett in der Luft auf und es erschien ein Schachbrett. Felixs Reflektion sagte: „Bist du bereit für das letzte Spiel?”
Zum Schluss spielten Felix und sein Gegner eine Partie Schach, in der Felix erkannte, dass seine Taten Folgen haben. Auch wenn er dabei mehrmals scheiterte, führte ihn genau diese neue Erfahrung schließlich zum Sieg.
Als das letzte Spiel der Spielbox sich auflöste, zersprang der Spiegel in tausende schimmernde Splitter. In ihnen spiegelte sich Felixs altes und gemeines Ich – das, von dem er sich nun endlich lösen wollte.
Plötzlich riss ihn dieselbe unbekannte Kraft, die ihn in die Spielbox gezogen hatte, wieder hinaus. Als er wieder in seinem Zimmer stand, beschloss er in Zukunft ein besserer Mensch zu sein, der nicht mehr von Rücksichtslosigkeit, Grobheit und seinem alten gemeinen Ich bestimmt wird.
Die Spielbox war verschwunden. Zurückblieb nur Stille, die sich anfühlte, wie ein letzter Abschied.
Möchtest du mehr Geschichten lesen?
Gerne! Schau, hier haben wir einige fantasievolle Geschichten und auch Nacherzählungen für dich.
