Die dumme Uhr
Punkt fünf Uhr morgens wache ich auf.
Nicht, weil ich ausgeschlafen habe.
Uhren schlafen schließlich nicht.
Aber genau um fünf beginnt mein Arbeitstag.
Mein Sekundenzeiger setzt sich in Bewegung. Tick. Tack. Tick.
Noch ist der Bahnhof fast leer.
Nur die Putzmaschine brummt über den Boden.
Ein Hausmeister pfeift leise vor sich hin und wirft einen kurzen Blick zu mir.
„Läufst noch?“
Natürlich laufe ich.
Das ist schließlich mein Beruf.
Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Glasfront fallen, wird mir warm.
Im Winter ist das besonders schön.
Dann sind meine Zeiger morgens oft ganz kalt.
Um sechs Uhr wird es hektisch.
Alle schauen zu mir.
Manche nur für einen Sekundenbruchteil.
Andere starren mich an, als könnte ich den Zug noch aufhalten.
Kann ich aber nicht.
Ich zeige nur die Zeit.
Ich mache sie nicht.
Gegen Mittag scheint die Sonne direkt auf mein Zifferblatt.
Das mag ich nicht besonders.
Dann blendet es.
Zum Glück zieht meistens bald wieder eine Wolke vorbei.
Am Nachmittag fliegt fast immer dieselbe Taube vorbei.
Sie landet manchmal auf meinem Dach.
Ich kann sie zwar nicht sehen, aber ich höre ihre kleinen Schritte.
Abends wird es ruhiger.
Die Bahnhofshalle leert sich langsam.
Nur die letzten Züge fahren noch ein und aus.
Kurz vor Mitternacht kontrolliert ein Mitarbeiter noch einmal den Bahnsteig.
Er schaut zu mir hoch.
„Bis morgen.“
Ich würde gern antworten.
Stattdessen ticke ich einfach weiter.
Um Mitternacht beginnt mein Tag von vorn.
Denn eine Uhr hat niemals Feierabend.
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