Der Junge, der den Mondschlüssel fand
Niemand wusste, warum der alte Uhrturm mitten im Wald stand. Er gehörte zu keiner Stadt. Er führte zu keinem Weg. Und obwohl seit hundert Jahren niemand mehr seine Zeiger aufgezogen hatte, schlug er jede Nacht genau um Mitternacht zwölfmal.
Die Erwachsenen sagten nur: „Der Turm ist alt. Bleib einfach fern.“
Doch Leo war zwölf und hielt „Bleib fern“ für die beste Einladung der Welt. Also machte er sich an einem Sommerabend mit einer Taschenlampe auf den Weg.
Der Wald war still. Kein Vogel sang. Kein Ast knackte. Nur der Wind strich durch die Blätter. Nach langem Gehen tauchte der Uhrturm zwischen den Bäumen auf.
Er war höher, als Leo ihn sich vorgestellt hatte. Seine Steine waren von Moos überwachsen, und eine goldene Uhr hing schief über der Tür. Ihre Zeiger bewegten sich nicht. Trotzdem hörte Leo ein leises…
Tick.
Tack.
Tick.
„Komisch“, murmelte er.
Die Holztür war nur angelehnt. Langsam schob er sie auf. Drinnen führte eine enge Wendeltreppe nach oben. Mit jeder Stufe wurde das Ticken lauter.
Ganz oben erwartete Leo keine Uhr. Sondern ein riesiger Raum. In der Mitte schwebte ein silberner Schlüssel. Er drehte sich langsam in der Luft und leuchtete wie Mondlicht. Darunter lag ein kleines Schild.
«Bitte nicht berühren.«
Leo starrte den Schlüssel an.
„Na toll“, sagte er.
„Jetzt muss ich ihn ja anfassen.“
Kaum legte er seine Finger darum, verstummte das Ticken. Der ganze Turm begann zu zittern. Draußen wurde der Himmel plötzlich dunkel. Obwohl eben noch Sommerabend gewesen war, standen jetzt unzählige Sterne über dem Wald.
Die Uhr schlug.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Bis zum zwölften Schlag.
Mit dem letzten Gong öffnete sich die Wand des Turms lautlos.
Dahinter war keine Mauer. Sondern der Nachthimmel. Nicht weit entfernt schwebte eine steinerne Brücke zwischen den Wolken. Am anderen Ende stand ein gewaltiges Tor aus silbernem Metall. Darauf waren Monde, Sterne und Kometen eingraviert.
Als Leo einen Schritt nach vorne machte, erklang hinter ihm eine ruhige Stimme: „Du hast den Mondschlüssel genommen.“
Leo fuhr herum.
Hinter ihm stand ein Mann mit einem langen dunkelblauen Mantel. Sein Bart war weiß wie Schnee. In seinen Augen glitzerten Sterne.
„Wer sind Sie?“
„Ich?“ Der Alte lächelte. „Ich bin der letzte Hüter der Nacht.“
„Und… was ist das für ein Schlüssel?“
Der Alte wurde ernst: „Jede Nacht wird das Himmelstor geöffnet. Dadurch können Mondlicht, Sternenstaub und Träume auf die Erde gelangen.“
Leo blickte auf den silbernen Schlüssel: „Und wenn das Tor geschlossen bleibt?“
„Dann gibt es keine Nacht mehr.“
Leo schluckte: „Das klingt ziemlich wichtig.“
„Ist es auch.“
Plötzlich bebte die Brücke. Ein tiefes Knurren hallte durch die Dunkelheit. Zwischen den Wolken erschienen zwei riesige, glühend rote Augen.
„Zu spät“, flüsterte der Hüter.
Aus dem Nebel kroch eine gewaltige Gestalt hervor. Sie bestand aus schwarzem Rauch. Dort, wo ihr Herz sein sollte, war nur Leere.
„Der Schattenfresser“, sagte der Hüter leise. „Er wartet seit Jahrhunderten auf jemanden, der den Mondschlüssel an sich nimmt.“
Die Kreatur setzte eine riesige Klaue auf die Brücke.
Stein splitterte.
Noch ein Schritt.
Noch einer.
Leo umklammerte den Schlüssel. Er wollte weglaufen. Doch hinter ihm war nur der Turm. Vor ihm das Tor. Und dazwischen das Monster.
„Du musst das Tor erreichen!“, rief der Hüter. „Nur der Mondschlüssel kann es öffnen!“
Leo holte tief Luft. Dann rannte er los. Der Wind heulte um ihn herum. Die Brücke bebte unter jedem Schritt des Monsters. Ein dunkler Schatten schoss nach ihm. So nah, dass er die eisige Kälte im Nacken spürte.
Nur noch wenige Meter. Leo sprang nach vorne. Er rammte den silbernen Schlüssel ins Schloss. Einen Herzschlag lang geschah nichts. Dann begann das ganze Tor zu leuchten. Ein silberner Lichtstrahl schoss in den Himmel.
Der Schattenfresser brüllte auf.
Das Licht wurde heller. Immer heller. Bis der Schatten schließlich im Glanz der Sterne zerfiel.
Plötzlich war alles still. Der Himmel funkelte. Der Mond schien heller als je zuvor.
Der Hüter lächelte: „Gut gemacht.“
Leo sah ihn an: „Und jetzt?“
Der alte Mann nahm den Schlüssel behutsam entgegen: „Jetzt gehst du nach Hause.“
„Und Sie?“
„Ich warte.“
„Worauf?“
Der Hüter blickte zum Himmel: „Auf den nächsten Neugierigen, der ein Schild mit den Worten ‚Bitte nicht berühren‘ nicht ernst nehmen kann.“
Leo lächelte beschämt. Dann drehte er sich um. Als er den Wald verließ, begann hinter den Bäumen gerade die Sonne aufzugehen.
Am nächsten Tag erzählte er allen vom Uhrturm. Doch niemand glaubte ihm.
Als Leo am Abend noch einmal in den Wald ging, war der Turm verschwunden. Nur eine silberne Feder lag zwischen den Wurzeln. Und wenn man sie im Mondlicht drehte, hörte man ganz leise ein Uhr ticken.
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