Das verrückte Nachsitzen
Meine Mathelehrerin, Frau Pasante, musterte mich, während ich in meinem Klassenzimmer nachsitzen musste.
Ich hatte dem Biolehrer, Herrn Feige, nur mein Glas Orangensaft aus meiner Jause aus Versehen auf sein neues weißes Hemd gekippt. Doch meine Mathelehrerin glaubte mir nicht, dass das aus Versehen gewesen war. Ich war halt nicht ihre Lieblingsschülerin! Ich saß alleine, weil sonst keiner Blödsinn anstellte. Das war nicht das erste Mal.
Frau Pasante sagte: „Warte hier, ich gehe schnell zum Direktor und frage, wie lange du noch nachsitzen musst. Schaue nur nicht in den Lehrertisch!“, dann ging sie. Ich hatte die Vermutung, dass im Lehrertisch die Mathearbeiten meiner Klasse waren, die wir vor Kurzem gemacht haben und deren Noten wir noch nicht wussten. „Ich muss meine Chance nutzen und meine Note sehen, bevor Frau Passante zurückkommt“, dachte ich, ohne dass ich wusste, wieso ich das wollte.
Als die Schritte meiner Lehrerin nicht mehr zu hören waren, schlich ich zum Tisch. Ich öffnete die rausziehbare Schreibtischlade. Da lagen vor mir die Mathearbeiten. Doch daneben lag etwas, das meine Aufmerksamkeit und meine Neugier mehr packte. Ein Buch! Ein stinknormales Buch. Nur leuchtete es hell und geheimnisvoll. Ich bewunderte den dicken Buchumschlag, auf dem sich kleine gemalte Menschen bewegten.
Ich öffnete das Buch in der Mitte und sah ein wunderschönes Bild. Wieder bewegten sich kleine Menschen. Ein kleines Mädchen in einem rosaroten Kleid, das auf einer Baumschaukel schaukelte. Der Baum hatte rosarote Blüten. Im Hintergrund sah ich ein Buch so wie dieses nur, dass dort eine Dame aus der Zeit des Barocks abgebildet war. Sie spazierte in einem wunderschönen Wald auf einem Trampelpfad. Diese kleine realistisch wirkende Welt oder dieser schöne Pisasch spielte auf einer kleinen Insel mitten im Buchhimmel. In denen kleine Steintreppen auf die Insel führten und in das Barockbuch. Hinten im Bild, auf der Insel, befand sich ein schöner Schlossturm.
Dass das Buch alt war, erkannte ich an den nach Staub riechenden Papierblättern. Wie gerne ich dort seie, dachte ich. Zum Spaß las ich einen mir spannenden vorkommenden Satz rückwärts vor. Als ich das letzte Wort rückwärts vorgelesen hatte, blätterte das Buch sich selber um. Es fing an hellblau zu leuchten, ganz hell. Ich hatte meine Hand auf eine Seite gelegt. Plötzlich sah ich ein echt wirkendes Bild, eine Illusion. Das Mädchen im rosafarbenen Kleid flehte mich an, ins Buch zu kommen und für immer dort zu bleiben. Auch die Dame aus dem Barock wirkte nun verflucht. Ihre Gesichter wurden grauer, magerer und düsterer. Ich versuchte meine Hand vom verfluchten Buch zu lösen, doch es ging nicht. Ich zerrte meine Hand mit voller Kraft zu mir. Auf einmal löste sich meine Hand vom Buch. Ich wurde nach hinten geschleudert.
Ich stand wieder auf und schmiss das Buch in den nächsten Mülleimer und bedeckte es mit einem Haufen Müll. Im passenden Moment kam Frau Passante und sagte, dass ich nach Hause gehen dürfe. Ich packte meinen Schulrucksack und lief schnellstens nach Hause. Dort aß ich eine Kleinigkeit und verschwand dann in meinem Bett.
Dass ich nie wieder in Lehrertische reinschaue, war für mich eindeutig klar.
Diese Geschichte entstand in der Schreibwerkstatt von Heidi Collon.
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