Wenn Licht ins Dunkle scheint
Diese Geschichte ist frei erfunden, orientiert sich jedoch an historischen Gegebenheiten und spiegelt den Zeitgeist des Jahres 1945 wider.
Wir haben das Jahr 1945. Es ist kurz vor Kriegsende. Wir haben keine Ressourcen mehr, um die Rote Armee noch länger aufzuhalten! Der Feind ist nur noch 10 km von Wien entfernt. Ich, Major Friedrich Langenstedt, habe den Auftrag bekommen, den Russen so lange wie möglich aufzuhalten. Mit einem halben Bataillon von 500 Mann! Nach meinem Vorgesetzten müssten wir noch Verstärkung aus dem Volkssturm beziehen. Das ist purer Wahnsinn! Dass es so weit kommen konnte, hätte ich mir niemals gedacht! Aber nun, lieber Leser dieses Tagebuches, fragen Sie sich bestimmt: „Wie können Sie sich als ‚Major‘ der deutschen Wehrmacht schlecht über die Kriegsführung äußern ?“ Tja, das hat eine lange Geschichte, warum ich den Weg der Armee eingeschlagen habe. Das führt uns 12 Jahre zurück.
Als ich jung war, waren wir sehr arm. Wir hatten nach dem 1. Weltkrieg alles verloren und uns nie davon erholt. Trotz all dieser Schwierigkeiten hatte ich es in vielen Bereichen sehr gut. Ich war gut in der Schule und habe viel gelernt in der Hoffnung, der Armut zu entkommen. Zu alledem hatte ich nie Schwierigkeiten, Freunde zu finden. Wenn wir Jungs damals unsere Streiche oder unsere Dreistigkeiten ausübten, war ich immer der Anführer. Ich zeigte in frühen Jahren schon Führungspotenzial.
Deshalb bin ich im September 1938 in die Offiziersschule gegangen, da man während des Grundwehrdienstes Potenzial in mir als Führungsperson sah. Als der 2. Weltkrieg begann, war ich hocherfreut. Sie müssen sich vorstellen, dass es für einen jungen Mann, der ein Versager und Niemand war, die große Chance war, in Anerkennung und Ruhm zu baden. Diese Chancen nutzte ich auch.
Als wir nach Polen ausrückten, gab ich alles! Ich rannte als vorderster Mann Richtung Feind, um meine Rolle als deutscher Leutnant richtig zu vertreten. Ich wurde für diese Verdienste reichlich geschmückt mit den ehrenvollsten Abzeichen, wie dem: Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse und als Endkrönung sogar mit Ritterkreuz des eisernen Kreuzes. Unter meiner Führung wurden viele Schlachten gewonnen! Wie der Frankreichfeldzug und die anfangs gut laufende Operation Barbarossa. Dass dafür viele Menschen sterben mussten, war mir nicht in den Sinn gekommen. Ich war ein eitler treuer Soldat, der sich nicht viel um Gefühle kümmerte, bis zu dem einen gewissen Tag.
Am 31. Januar 1942 wurde vom Volksempfänger mitgeteilt, dass die 6. Armee kapituliert hatte. Während dieser Meldung befand ich mich mit anderen Offizieren an unserem Offizierstisch. Als wir die Nachricht erfasst hatten, waren wir am Boden zerstört. Da wir so überzeugt waren, dass die Schlacht von Stalingrad zu gewinnen sei! Aber als mein Vorgesetzter General Wilhelm von Schlacht mir düster sagte: „Die Schlacht von Stalingrad war nicht zu gewinnen! Die versprochenen Lieferungen über die Luftwaffe, die Reichsmarschall Göring versprochen hatte, waren leere Worte!“
„Das Glück ist nicht mehr mit uns!“, sagte der General damals noch zu mir.
Ich schaute ihn verdutzt an und habe mich darauffolgend mein Bataillon zusammen gerufen, um einen Hinterhalt der Roten Armee zu vermeiden! Denn vor einigen Tagen wurden Gerüchte verbreitet, dass die Rote Armee eine große Offensive gegen Kursk operieren wollte. Es ist dann letztendlich zu dieser vernichtenden Schlacht gekommen!
Nach erbitterten Kämpfen hatten wir hohe Verluste erlitten. Es war erstmalig für mich grauenhaft anzusehen, wie mein Bataillon und Offiziere unter diesen Bedingungen litten. Nach militärischen Fakten war die Schlacht nicht zu gewinnen und ab diesem Zeitpunkt habe ich realisiert, dass alles in den Bach untergehen wird. Und es kam dann auch zu diesen Ereignissen.
Das Schlimmste war, dass einer meiner treusten und besten Freunde, Reiner von Hirsch, im Kampf gefallen ist. Er war einer der besten Panzerfahrer und war für das Kommando von Panzern verantwortlich. Leider Gottes hat es seine ganze Panzerbesatzung mit ihm erwischt. Ich konnte mich nicht einmal verabschieden. Er hat noch gesagt, dass wir nach dem Sieg einen trinken gehen werden und dass er seine Frau und Kinder besuchen gehen wird. Sein Tod hat mich erstmalig sehr zerissen, da er mehr als nur ein Kamerad war. Er war mein bester und einziger Freund.
Nun, dies war eine kleine Biografie über meine Karriere und mein Leben.
Die aktuelle Situation ist sehr heikel aufgrund der mangelnden Munition, der zu wenig ausgebildeten Soldaten und des Mangels an Treibstoff. Darum halte ich es für Wahnsinn, dass wir unter diesen Umständen noch gegen die Rote Armee vorgehen müssen. Es hätte schon längst Verstärkung von Norden kommen sollen, um mein Bataillon zu verstärken. Diese Last, die ich trage, ist überwiegend schwer und ich habe so viele Jahre meine Seele für einen ‚Führer‘ geopfert, der unser Vaterland in Schutt und Asche verwandelt hat. Ich habe mich deshalb entschlossen, mit meinen restlichen Männern zu kapitulieren und die volle Verantwortung für alle Kriegsverbrechen zu übernehmen.
Am 30. April habe ich alle meine Männer gehen lassen, um ihnen Lebewohl zu wünschen. Während ich meine Männer Richtung Westen gehen sah, um bei den West-Allierten zu kapitulieren, verspürte ich eine Erleichterung. Erleichterung, dass meine Männer zu ihren Familien zurückkehren können, aber andererseits auch, dass ich wenigstens nicht das schlechte Gewissen haben muss, unsere Jugend ins Schlachtfeld zu schicken. Diese Jugend wird noch für den Aufbau gebraucht.
Während ich meine Gedanken schreibe, scheint die Sonne nach einem langen düsteren Kämpfen wieder. Es wirkt fast schon so, als würden Ruhe und Frieden in die Umgebung zurückkehren. Hiermit beende ich meine Memoiren und was aus mir wird, das weiß ich selber nicht! Ich hoffe, der Leser dieser Memoiren kann sich irgendwann ein Bild von der Zeit des 2. Weltkrieges machen.
30. April 1945
Major Friedrich Langenstedt
Kommandant des 50. Infanterie-Bataillons
Falls Sie, lieber Leser, sich fragen, was aus Major Friedrich Langenstedt geworden ist, wird Ihnen sein Ende sehr berühren, aber auch akkurat zu den damaligen Zeiten sein.
Nachdem unser Major seine Memoiren beendet hatte, ging er in einen stillen Wald, wo der Frieden und die Ruhe immer mehr die Schattenseiten dieser schlimmen Zeit verdrängten. Als deutscher Offizier hat er sich für den Selbstmord entschieden, da nach dem Offizierskodex sich ein Offizier niemals dem Feind ergibt und es eine Entwürdigung der eigenen Person wäre. Noch dazu wusste er ganz genau, dass er sich für viele Kriegsverbrechen noch aus der Ostfront verantworten hatte und ihn wahrscheinlich jahrelanges Verhör, Folter und Elend in der Sowjetunion erwartet hätten. Mit diesen Gedanken nahm er seine Pistole und sagte noch, bevor er diese Welt verließ: „Möge Deutschland aus diesen Trümmern wieder emporwachsen und möge Gott über unser geliebtes Vaterland wachen und es durch die schwierige Zeit begleiten.“ Nach diesen Worten ist unser Held von uns gegangen.
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