Ein stummer Zeuge
Ich stehe seit Jahrhunderten hier, ein stummer Zeuge der Geschichte. Einst war ich Teil einer lebendigen und blühenden Stadt, ein Symbol der Stärke und des Schutzes. Heute bin ich nur noch die düstere Turmmauer des Schweigens, ein Mal der Zerstörung und des Krieges.
Ich erinnere mich an den Tag, an dem die ersten Soldaten kamen. Sie marschierten durch die Straßen, ihre Waffen im Anschlag, ihre Gesichter hart und entschlossen. Menschen flohen in Panik, schrien und weinten. Ich stand da, während die Welt um mich herum zusammenbrach.
Die Tage vergingen, die Stadt wurde zu einem Schlachtfeld. Soldaten bauten ihre Barrikaden. Ich wurde zu einem Teil des Kampfes, einem Schauplatz des Grauens. Kugeln pfiffen durch die Luft, der Rauch der Bombe stank und sperrte mir die Sicht. Ich fühlte, wie meine Steine schmerzten, wegen der Löcher, die in mich geschossen wurden. Dann brach ein Teil von mir ab. Es tat weh. Ich dachte: „Bald ist es mit mir vorbei.“ Dennoch überlebte ich als Ruine. Menschen starben einen viel grausameren Tod. Ich stand da, als einfache Ruine, während die Welt um mich herum in Flammen aufging. Die Nacht war erfüllt von den Schreien der Verwundeten, den Rufen nach Hilfe, den Gebeten um Gnade.
Die Tage wurden zu Wochen, Wochen zu Monaten. Der Krieg zog sich hin. Ich wurde zu einem Teil des alltäglichen Schreckens. Ich sah, wie die Soldaten ihre Stellungen ausbreiteten, wie ihre Waffen immer mehr wurden. Ich hörte, wie sie ihre Befehle erhielten, wie sie über Ängste und Hoffnungen redeten, aber ich sah auch, wie die Menschen versuchten, ihr Leben fortzusetzen. Als Turm sah ich Leute, die sich versteckten. Sie hofften, zu überleben. Ich stand da, ein stummer Zeuge, während die Menschen um mich herum kämpften, um zu überleben.
Eines Tages kam ein junger Soldat zu mir. Er war erschöpft, seine Augen waren leer, seine Haut war blass. Er setzte sich zu mir, nahm seinen Helm ab und weinte. Ich konnte sehen, wie seine Tränen auf den Boden fielen, wie sein Körper zitterte vor Schmerz und Angst. „Warum?“, fragte er. „Warum müssen wir das tun? Warum müssen wir uns gegenseitig töten?“ Ich antwortete nicht. Ich stand da, ein stummer Zeuge, während der Soldat seine Tränen trocknete und sich hinter meiner Ruine versteckte, um zu fliehen, doch ein anderer Soldat sah ihn und hielt ihn auf. Dann brachte er ihn zum Geschehen. Die Tage vergingen, der Krieg zog sich hin. Ich sah, wie die Menschen die Erde verließen, wie die Stadt zerstört wurde. Ich fühlte, wie ich immer rissiger wurde.
Und dann, eines Tages, war es vorbei. Die Soldaten zogen ab, die Stadt lag in Trümmern. Ich stand da, ein stummer Zeuge, während die Menschen langsam aus ihren Verstecken kamen. Sie sahen sich um, sie weinten.
Die Stadt wurde langsam wieder aufgebaut. Die Menschen kamen zurück, sie bauten ihre Häuser, ihre Geschäfte. Ich erinnerte mich an die dunklen Tage, an die Tränen, an die Toten. Aber die Menschen wollten nicht mehr daran denken. Sie wollten weiterleben. Sie bauten ihre Stadt wieder auf, schleppten Ziegelsteine und stapelten sie aufeinander. Ich stand da, nutzlos, während die Menschen um mich herum versuchten, ihre Vergangenheit auszulöschen. Doch ich werde es nie vergessen. Ich werde immer daran denken, was ich gesehen habe. Ich werde immer ein Mal der Zerstörung sein, eine Erinnerung des Krieges. Ich werde immer da stehen, ein stummer Zeuge, während die Menschen wieder fröhlich werden.
Die Jahre vergingen, und die Stadt blühte wieder auf. Ich stand immer noch da, ein Beobachter des Krieges. Ich frage mich, ob die Menschen bereit sind, ihr Leben neu zu gestalten. Ich stehe da, ein stummer Zeuge, während die Menschen um mich herum ein buntes Leben leben. Ich werde immer ein Mahnmal der Zerstörung sein.
Diese Geschichte entstand im Rahmen einer Schreibwoche des Literaturwerkstatts.
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